Klimablog Krefeld

Klimablog Krefeld gestartet

Wegweisender Beschluss des Stadtrates: Bis 2035 soll Krefeld klimaneutral werden. Jetzt müssen alle anpacken!

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14 Wasserstoff – unverzichtbar aber keine Universallösung

Das Wissenschaftszentrum der „Scientists for Future“ hat ein Policy-Paper zur Nutzung von Wasserstoff veröffentlicht (https://info-de.scientists4future.org/wasserstoff-in-der-energiewende).

Grundsätzlich lasse sich Wasserstoff (H2) wie Erdgas in Pipelines oder Tankschiffen transportieren und in Tanks oder Kavernen speichern. Das suggeriere, dass grüner, also elektrolytisch mit regenerativem Strom CO2-frei erzeugter Wasserstoff alle Aufgaben übernehmen könnte, für die heute fossile Rohstoffe eingesetzt würden. Der Eindruck trüge, denn für viele Zwecke sei Wasserstoff energetisch ineffizient und viel zu teuer. 

 

Verbreiteter Zweckoptimismus der Erdgasnetzbetreiber

In einigen Studien der Erdgasnetzbetreiber werde Zweckoptimismus deutlich: So gehe der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches DVGW, der unter seinen Mitgliedern über 2.000 Versorgungsunternehmen versammele, nicht von einer Knappheit an Wasserstoff aus. Es wird dabei eine Importquote von 90% angenommen – wie heute bei Gas und Öl. Wasserstoff werde sogar für Heizzwecke propagiert. Es werde aber nicht belegt, wann und woher der Wasserstoff denn konkret kommen solle (siehe auch Blog 11).

 

Sinnvolle Nutzung von Wasserstoff:

Wasserstoff werde benötigt, um Ammoniak und Methanol als Grundstoffe für die chemische Industrie herzustellen. In der Eisen- und Stahlherstellung erfolge gerade die Umstellung auf Wasserstoff als Reduktionsmittel - er soll die Kohle ersetzen. Auch für die langfristige Speicherung von Energie wird Wasserstoff von einer breiten Mehrheit der Wissenschaft als notwendiger Energieträger eingestuft.

 

Probleme:

- Auch Wasserstoff sei ein klimaschädliches Gas, das zum Treibhauseffekt beitrage (4 bis 11mal so schädlich wie CO2) und das sparsam verwendet und in geschlossenen Kreisläufen geführt werden müsse. Und gerade das sei bei der hohen Flüchtigkeit des kleinsten aller vorkommenden Moleküle nicht einfach.

- Die Erzeugung von größeren Mengen grünen Wasserstoffs scheitere am zu langsamen Ausbau von Wind- und Solarstrom. Es werde deshalb zumindest Jahre dauern, bis merkliche Mengen an Wasserstoff importiert werden könnten. Lieferungen aus Katar und Kanada würden erst in einigen Jahren aufgenommen werden. Bis größere Mengen importiert werden könnten, würden mindestens 10 Jahre vergehen. Zudem sei der Transport aufwändig, so dass importierter Wasserstoff ein Vielfaches von heutigem Erdgas oder Erdöl kosten werde. Dabei sei egal, ob der Wasserstoff komprimiert, verflüssigt oder chemisch gebunden transportiert werde.

- Wasserstoff stehe im Wettbewerb mit anderen Energieträgern. Sowohl beim Antrieb von Fahrzeugen als auch bei der Wärmeerzeugung konkurriere Wasserstoff mit dem Einsatz von Elektrizität, deren Einsatz aus physikalischen Gründen um ein Vielfaches effizienter sei. Setzten wir auf Elektrizität, dann bräuchten wir z.B. für die Wärmeversorgung etwa um den Faktor fünf weniger Windkraftwerke und Photovoltaik, als wenn wir auf Wasserstoff setzen würden – so groß seien die Verluste der Erzeugung und Verbrennung von Wasserstoff gegenüber elektrischen Lösungen wie Wärmepumpen oder Elektroautos. Der Import von Wasserstoff z.B. für Heizungszwecke wäre für die Masse der Bevölkerung unbezahlbar.

Der Einsatz von Wasserstoff muss daher durch die Politik dorthin gelenkt werden, wo sein Einsatz notwendig und effizient ist und volkswirtschaftlich hohen Nutzen stiftet.

 

 

13 Krefeld steht in den Startlöchern

Das Gutachten „KrefeldKlimaNeutral 2035“ verzögert sich noch einige Tage

Eigentlich sollte es am 27.1. (morgen) der Stadt übergeben werden (siehe Blog 4). Nun besteht aber noch Abstimmungsbedarf in Teilbereichen.

Das Gutachten wird die Leitschnur für die weiteren Planungen und auch Geldausgaben sein. Dies wird sich dann erst in den Haushaltsplanungen 2024 in größerem Umfang niederschlagen.

 

Klimaschutz ist aber auch schon im Haushalt 2023 enthalten

Im aktuell in den Gremien der Stadt diskutierten Haushaltsentwurf 2023 finden sich deshalb noch begrenzte Mittel für den Klimaschutz (gegenüber früher viele, gemessen am Bedarf wenige). So wird das sehr gut angenommene Förderprogramm „klimafreundliches Wohnen“ (es werden u.a. Solaranlagen gefördert) mit 500.000 Euro fortgeführt. Zudem werden Mittel für ein Gutachten zur Wärmeplanung eingestellt (sehr wichtig! - siehe Blog 8) und für eine „Potentialanalyse Wasserstoff“. Für letzteres wird eine geeignete Fragestellung gefunden werden müssen (siehe Blog 11 und nächster Blog). Weitere Mittel wird es für Quartiersanierungspläne, Krefelder Klimapakt, Klimaanalyse und einige andere Punkte geben.

 

Sind alle für Klimaschutz?

Erfreulich war bei den Beratungen bisher, dass speziell diese „Klima-Mittel“ kaum in Frage gestellt wurden. Die Wichtigkeit des Klimaschutzes scheint erkannt zu sein. Hoffen wir, dass sich dies auch bei Verabschiedung und finanzieller Ausstattung von „KrefeldKlimaNeutral 2035“ in den kommenden Monaten und Jahren fortsetzen wird.

 

 

12 Saubere Energie ist zunehmend ein Standortfaktor

Die Wirtschaftsförderung in Schleswig-Holstein wirbt mit sauberem Strom (https://wtsh.de/de/standortfaktor-gruene-energie ). Die Ansiedelung mehrerer großer Industriebetriebe gebe ihr Recht, wie ein Artikel in der ZEIT vom 14.1.2023 analysiert. 3.000 Windräder produzierten so viel Strom, dass die Hälfte davon an andere Bundesländer abgegeben werden müsse.

 

Umweltfreundliche Energie ist heute ein Trumpf

Betriebe suchten nach einer „günstigen, naturnahen und sicheren Energieversorgung. Weniger aus Liebe zum Planeten als aus Kalkül. Viele Konzerne müssen ihren Mitarbeitern, Geldgebern und Kunden zeigen, wie sie in den nächsten Jahrzehnten klimaneutral werden. Und so lange reichen viele Investitionsentscheidungen nun mal“ – schreibt die ZEIT.

(Und sogar die „Bayrische Staatszeitung“ gibt es zu: www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/politik/detailansicht-politik/artikel/oekologie-als-standortfaktor.html)

 

Nordschweden boomt

Noch mehr gelte dies für den Norden von Schweden. Dort hätte facebook bereits 2011 den Reigen der Ansiedelung von großen Betrieben begonnen – alle auf der Suche nach günstiger und grüner Energie, die dort aus Wind und Wasser in Fülle bereitstehe. Inzwischen boome die gesamte Region.

 

Kann Krefeld das auch?

Krefeld wird aufgrund seiner Struktur und Lage wohl eher nicht zu den führenden Produzenten von sauberer Energie werden können. Aber jeder Schritt in die richtige Richtung ist wertvoll. Das Neutralitätsziel bis 2035 wird sicherlich zu der einen oder anderen Standortentscheidung beitragen.

 

 

11 Was machen eigentlich andere Städte?

Wenn man im Internet nach städtischen Initiativen zur Klimaneutralität bis 2035 sucht, hat man rasch über 50 deutsche Städte gefunden, die sich mit dem Thema beschäftigen. Bei näherer Betrachtung hat allerdings nur ein Teil davon das Ziel konkret formuliert und einen Ratsbeschluss gefasst.

Je konkreter der Inhalt, um so seltener sind Ratsbeschlüsse

Dabei handelt es sich oft nur um einen einleitenden Ratsbeschluss z.B. ein Gutachten zu erstellen. Ratsbeschlüsse zur Umsetzung erstellter Gutachten sind noch seltener. Am seltensten sind Beschlüsse, die dafür dann auch Jahr für Jahr die notwendigen haushaltswirksamen Schritte beschließen. 

Die Ratsbeschlüsse sind im Internet nicht immer leicht zu finden. Ein Beispiel für einen gut zu findenden Umsetzungsbeschluss ist der Beschluss der Stadt Bonn vom 8.12.2022:

(https://www.bonn.sitzung-online.de/public/to020?TOLFDNR=2031779)

Umsetzende Beschlüsse auf Gutachtenbasis gibt es beispielsweise auch in Wuppertal (16.11.2021), München (10.01.2022) Frankfurt (12.05.2022) und Stuttgart (27.07.2022).

Neun Städte wollen mit EU-Mitteln schon 2030 klimaneutral werden - oder doch nicht???

Neun deutsche Städte sind unter 30 Bewerbern für die Teilnahme an der „EU City Mission“ ausgewählt worden. Diese stellt von 2022 bis 2023 viel Geld für Innovationen bereit, die notwendig sind, um Klimaneutralität sogar bis 2030 zu erreichen. Es handelt sich um Aachen, Dortmund, Dresden, Frankfurt a.M., Heidelberg, Leipzig, Mannheim und München.

Die offiziellen Beschlusslagen dazu sind allerdings sehr unterschiedlich: Einen Klimaschutz-Aktionsplan bis 2030 hat Mannheim beschlossen. Dortmund hat einen Plan „2030“, der aber erst bis 2035 Klimaneutralität anstrebt. München und Frankfurt haben Beschlüsse bis 2035 (wollen aber zumindest ihre Stadtverwaltungen bereits 2030 klimaneutral gestalten). Leipzig und Heidelberg streben 2040 an. Dresden will unter dem Druck eines Bürgerbegehrens Klimaneutralität bis 2035 prüfen.

Obwohl sie gar nicht zu den "EU-City-Mission"-Städten gehört, hat der Stadtrat Erlangen am 26.11.2020 beschlossen, bis 2030 klimaneutral zu werden.

 

Es gibt schon viele, viele Gutachten....

Um entsprechende umsetzungsbezogene Beschlüsse zu fassen, haben eine ganze Reihe von Städten, wie auch Krefeld, Gutachten beauftragt, welche ermitteln sollen, wie sie bis 2035 klimaneutral werden können. Für Interessierte ist hier eine kleine Auswahl aufgeführt. (In einzelnen Fällen betreffen die Gutachten nur Teilbereiche der Klimaneutralität).

Bonn: Herunterladbar von der Ratsvorlage (siehe oben im Text)

Wuppertal: https://www.aachen.de/de/stadt_buerger/energie/konzepte_veranstaltungen/klimaschutzkonzept/IKSK_Juni_2020.pdf 

Freiburg: https://rettet-dietenbach.de/wp-content/uploads/2018/11/G-19-216-Anlage-5-ifeu.pdf

München: https://www.oeko.de/fileadmin/oekodoc/Massnahmenplan-Klimaneutralitaet-Muenchen.pdf

Aachen: https://www.aachen.de/de/stadt_buerger/energie/konzepte_veranstaltungen/klimaschutzkonzept/IKSK_Juni_2020.pdf

Gießen: https://www.giessen.de/media/custom/2874_2718_1.PDF?1599643415?direct

Berlin: https://buerger-begehren-klimaschutz.de/wp-content/uploads/2021/10/Potenzialstudie_Berlin.pdf

Erlangen: https://erlangen.de/uwao-api/faila/files/bypath/Dokumente/PDF-Formulare/31_Umweltamt/31klima_langversion_fahrplan_klima-aufbruch_erlangen.pdf?tn=1&q=normal&s=list

Köln: https://ratsinformation.stadt-koeln.de/vo0040.asp?smcrecherche=7020 im Suchfeld 2547/2022 eingeben

 

10 Das Wasserstoff-Szenario für Krefeld ist unrealistisch!

Viele setzen heute ihre Hoffnung auf Wasserstoff

Wie in den letzten beiden Beiträgen erläutert sind Wärmeplanung und Fernwärme wichtige Elemente einer nachhaltigen Wärmeversorgung. Es gibt diesbezüglich aber zwei „Glaubensrichtungen“:

  1. Die einen hoffen darauf, dass eine rasche Umstellung auf regenerative Energiequellen eine günstige Versorgung durch Fernwärme sicherstellen wird und diese deutlich ausgebaut werden wird und muss.
  2. Die anderen glauben, dass die Verbrauchssenkungen durch Dämmung, Effizienzsteigerungen etc. dazu führen wird, dass die Verteilung von Fernwärme zu teuer wird und diese nicht mehr wirtschaftlich ist. Sie glauben, dass diese nur eine begrenzte Zukunft haben wird und stattdessen eine breite Wasserstoffversorgung an die Stelle der heutigen Gasversorgung treten wird.

Im Gutachten "KrefeldKlimaNeutral 2035" werden die beiden „Glaubensrichtungen“ wohl ansatzweise durch die beiden Wärmeszenarien „all-electric“ und „H2 repräsentiert.

Es ist schwierig, hier in die Zukunft zu blicken (ähnlich wie bei der Frage, ob die Zukunft des Autos elektrisch oder wasserstoffbasiert sein wird).

Europa ruft lautstark nach Wasserstoff!

Was den Wasserstoff angeht, so wird dieser langfristig mit absoluter Sicherheit eine tragende Rolle bei der Energiebereitstellung spielen. Entsprechend vollmundig sind die Willensbekundungen der Politik weltweit, wobei es sicherlich auch um den Kampf um zukünftige Pfründe bei der Umsetzung geht – nachdem wir die Solartechnik bereits "an China verloren“ haben.

Aber der Weg dahin wird noch lang sein!!!

  • - Es gibt bisher – im Vergleich zum prognostizierten Bedarf und den Ankündigungen – nur winzige Pilotprojekte. Weltweit sind 600 MW Elektrolysekapazität in Betrieb, das 6000fache müsste bis 2050 erreicht werden. Zahlreiche Großprojekte sind Pressemeldungen zufolge in Planung. Auf dem Weg sind aber noch zahlreichen Hindernisse zu überwinden.
  • - Aus der Industrie wird zwar großes Interesse signalisiert aber gleichzeitig besteht noch Zurückhaltung bei konkreten Investitionen, da der Wasserstoffpreis kaum prognostizierbar ist. Für 80% der angekündigten Projekte ist noch keine Investitionsentscheidung getroffen worden.
  • - Bei den Internationalen Großprojekten wird oft Nordafrika genannt. Die ausführliche MENA-Studie („MENA-Fuels“ von DLR, IZES und Wuppertal-Institut) sieht hier aber noch einen weiten Weg und viele Hindernisse. Überhaupt gilt für Projekte in Ländern mit wirtschaftlichem Aufholbedarf, dass zunächst der Eigenbedarf vor Ort gedeckt werden muss.
  • - Eine wissenschaftliche Studie zu der Ausbaugeschwindigkeit der Wasserstofftechnik in der Zeitschrift „Nature“ (link unten) belegt mit Hilfe eines Technologiediffusionsmodells, dass maximal 1% des in Europa benötigten „grünen Wasserstoffs“ bis 2030 bereitgestellt werden kann, weltweit erst bis 2035. Die Ausbaugeschwindigkeit z.B. von Photovoltaik müsste um das zig-fache übertroffen werden. Die Studie kommentiert: „Kurzfristige Knappheit, langfristige Unsicherheit“.

Es ist also durchaus unsicher, ob überhaupt die europa- und bundesweiten Hoffnungen realisiert werden können.

Krefeld wird sich aber sicherlich hinten anstellen müssen.....

Wann wir aber am Ende in Krefeld einen ausreichend großen Teil vom Kuchen zu einem vertretbaren Preis bekommen, steht in den Sternen. Für „KrefeldKlimaNeutral 2035“ wird Wasserstoff aus der Sicht des NABU keine Rolle spielen. Das „H2-Szenario“ ist unrealistisch.

(MENA-Studie, ausführlich via: https://wupperinst.org/p/wi/p/s/pd/789 
Natur-Studie: Probabilistic feasibility space of scaling up green hydrogen supply; https://www.nature.com/articles/s41560-022-01097-4

 

9 Tiefengeothermie ist eine große Chance für Krefeld

Wie im letzten Beitrag dargestellt, ist die Bereitstellung von klimagasfreier Wärme (v.a. für die Wohnungsheizung) von größter Bedeutung. Wegen des großen Anteils der Wärme an den Gesamtemissionen, kann und muss hier sehr viel CO2 eingespart werden.

Woher soll die Wärme kommen? Besonders im Winter scheidet die Sonne aus (Wärmespeicherung ist sehr teuer und nur begrenzt möglich). Windenergie sollte besser direkt als Strom genutzt werden und steht in Krefeld auch nur begrenzt zur Verfügung. Biomasse stellt heute einen relevanten Anteil und wird das in Zukunft auch tun. Dennoch ist die Verfügbarkeit gerade in Krefeld flächenmäßig begrenzt und die Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion muss stets abgewogen werden.

 

Fast grenzenlos viel Wärme liegt unter unseren Füßen

Das Erdinnere ist heiß und enthält genug Energie, um uns für Jahrhunderte mit Wärme zu versorgen. Allerdings muss man sehr tief bohren, um die Wärme nutzen zu können. Die Temperatur der Erdkruste steigt in der Tiefe um 3°C je 100 Meter an. Ab 400 m Tiefe bezeichnet man die Wärme aus der Tiefe als „Tiefengeothermie“. Die oberflächlichere Wärme kann mit Wärmepumpen genutzt werden, z.B. für die Heizung von Einfamilienhäusern und kleineren Mehrfamilienhäusern.

In 2.500 m Tiefe ist Wasser mit einer Temperatur von 70 bis 100°C zu finden – genug, um in ein (entsprechend angepasstes) Fernwärmenetz eingespeist zu werden. In 5.000 m Tiefe werden Temperaturen von über 150°C erreicht, womit auch Strom erzeugt werden könnte.

Vorteile der Tiefenwärme sind: Sie ist zeitlich rund um das Jahr Tag und Nacht verfügbar (grundlastfähig). Sie ist sehr verlässlich und jahrzehntelang nutzbar. Sie hat wenig Platzbedarf und ist praktisch emissionsfrei im Betrieb.

 

Warum wird Tiefenwärme noch so wenig genutzt?

Der Hauptgrund ist, dass sie nicht überall günstig verfügbar ist: Die Wärme darf nicht zu tief liegen und die Tiefenwasserverhältnisse müssen günstig sein. Sie muss in der Nähe der Nutzer vorhanden sein. Bohrungen sind zudem sehr teuer (viele Mio. Euro) und es besteht immer ein Risiko, dass sie erfolglos sind.

Außerdem gab es in der Anfangszeit ungünstige Umweltauswirkungen, die aber inzwischen, mit mehr Erfahrung, technisch beherrschbar sind.

Manche Städte gehen deshalb schon voran: München z.B. hat schon sechs Tiefenbohrungen in Nutzung und erzeugt damit Wärme für über 100.000 Haushalte. Ein weiterer Ausbau ist geplant (bis zu 70% des Wärmebedarfes der Wohnungen soll gedeckt werden).

 

Tiefenwärmenutzung ist in Krefeld möglich!!!

Bisherige Erkenntnisse zeigen, dass Krefeld mit erfreulich günstigen geologischen Voraussetzungen rechnen kann. Noch im Herbst 2022 erkundete das Geologische Landesamt mit seismischen Untersuchungen (Vibrations-Trucks) den Untergrund. Mit den Ergebnissen wird im Sommer 2023 gerechnet. Weitere Untersuchungen wären allerdings notwendig, bevor konkret gebohrt werden kann. Diese werden zeigen, an welchen Stellen genau Wärme wirtschaftlich gewonnen werden kann und ob an diesen Stellen eine Einspeisung in das Fernwärmenetz möglich ist.

Es gab 2011 bereits ein Projekt, welches Erdwärmebohrungen zur Strom- und Wärmeproduktion zum Ziel hatte. Es scheiterte damals kurz vor Realisierung an veränderten überregionalen Rahmenbedingungen, die damals gegen das Fracking gerichtet waren. Die Zeiten haben sich geändert. Es ist höchste Zeit, das Krefelder Tiefenwärme-Projekt wieder aufleben zu lassen.

(detailliert zum Thema z.B.: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/effiziente-fernwaermeversorgung-mit-niedertemperaturwaerme)

 

 

8 Kommunale Wärmeplanung – ohne geht es nicht

In Krefeld steht die Wärmeversorgung für 65% des Energiebedarfes (sogar nach der Herausnahme der EST-Großbetriebe aus der Bedarfsstatistik). Damit ist sie zur Erreichung der Klimaneutralität in Krefeld eines der wichtigsten Themen.

Die Wärmeversorgung ist der größte Berg auf dem Weg zur Klimaneutralität

Dennoch rückte leider, im Gegensatz zu Nachbarländern wie Dänemark, Österreich, Niederlande oder der Schweiz, die Bedeutung der kommunalen Wärmeplanung in Deutschland erst in den letzten Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Ein wesentliches Hemmnis war bisher die fehlende CO2-Bepreisung und damit auch die unzureichende Wirtschaftlichkeit. Das ändert sich jetzt: Durch die EU-Emissionszertifikate (siehe Blogbeitrag "Umgehendes Handeln...." vom 11.1.2023) sind steigende Emissionspreise – und damit unaufhaltsam steigende Heizkosten - garantiert.

Frühzeitiges Handeln spart besonders viele spätere Kosten - und soziale Verwerfungen!

 

Ein Kurzgutachten des Umweltbundesamtes (UBA) fasst den derzeitigen Kenntnisstand kurz zusammen (Link siehe unten). Hier einige Auszüge:

Die Wärmeplanung ist kompliziert, da sehr viele Akteure einbezogen werden müssen (Mieter, Vermieter, Firmen, Versorger, Verwaltung uva.). Auch innerhalb der Stadtverwaltung sind viele Bereiche betroffen.

Ziel der Wärmeplanung ist ein „Kommunaler Wärmeplan“, der sowohl Erzeuger als auch Verbraucher gleichermaßen betrachtet. Es ist zudem ein auf viele Jahre angelegter Multi-Akteurs-Prozess.

 

Energiesparen und erneuerbare Energiequellen sind gleichermaßen notwendig!

Das Ziel einer treibhausgasneutralen Wärmeversorgung lässt sich nur sinnvoll erreichen, wenn der Wärmebedarf der Gebäude mittels Energieeffizienzmaßnahmen drastisch gesenkt wird und gleichzeitig erneuerbare Energiequellen oder Abwärmepotentiale für den Restbedarf erschlossen werden. Es gibt kein „entweder – oder“. Hohe Effizienzstandards senken nicht nur den Bedarf sondern ermöglichen auch erneuerbare Energieversorgung (Niedertemperatur- Wärmenetze).

Es ist dabei weitgehend anerkannt, dass Wärmenetze (Fernwärme) eine Schlüsselrolle bei der Wärmeversorgung aus erneuerbaren Energiequellen spielen, da erst dadurch Wärmequellen wie tiefe Geothermie, Industrieabwärme, Großspeicher oder Freiflächen-Solarthermie erschlossen werden können. Erfreulicherweise hat Krefeld bereits ein Fernwärmenetz, welches aber massiv ausgebaut werden muss. 

Auch erneuerbarer Strom wird einen wachsenden Beitrag zur Versorgung mit Wärme leisten (z.B. Wärmepumpen in dezentralen Gebieten, wo Fernwärme nicht hinkommt).

 

Effizienz und Versorgung hinken den Klimaschutzzielen weit hinterher

Die derzeitige Sanierungsrate (Dämmung von Wohnungen etc.) von 1% reicht bei weitem nicht für das Bundesziel der Klimaneutralität in 2045 und erst recht nicht für das Krefelder Ziel in 2035. Laut dem Gutachten "KrefeldKlimaNeutral 2035" sind 5% erforderlich ("all electric Szenario"). Auch der Anteil erneuerbarer Energien an der Wärmebereitstellung verharrt auf niedrigem Niveau (bundesweit ca. 15%, in Krefeld geringfügig mehr). 

Folgende Aufgaben werden in dem UBA-Gutachten identifiziert:

  • Erstellung von Wärmekatastern, die Bedarfe und Angebote erfassen und verknüpfen
  • Planung und Ausbau von Wärmenetzen (Fernwärme)
  • Dekarbonisierung der Wärmenetze (Geothermie, Abwärme, Solarthermie etc.)
  • Einbeziehung von Abwärmepotentialen (dazu ist eine Berücksichtigung der EST-Betriebe notwendig).
  • Mittelfristiger Rückbau der Gasversorgung (um parallele Netze aufzulösen)
  • Treibausgasneutrale Wärmeversorgung für Bestandsgebiete mit dezentraler Versorgung (Wärmpumpen etc.)
  • Treibhausgasneutrale Wärmekonzepte für Neubaugebiete (verpflichtende Wärmeplanung)
  • Ermittlung von Flächenbedarfen für Erzeugungsinfrastrukturen erneuerbarer Energie
  • Bewirtschaftung des Untergrundes (Geothermiebohrungen)
  • Konzepte für ambitionierte Gebäudesanierung und entsprechende Unterstützung
  • Schulterschluss von Kommune und Versorgern, v.a. SWK
  • Prüfung aller kommunaler Regelungsmöglichkeiten (Planungsauflagen, Nutzungsgebote etc. aber auch Förderungen)
  • Know-how-Aufbau bei Verwaltung und Bürgern
  • Überregionale Unterstützungen und Förderungen erschließen
  • Überregionalen Regelungsbedarf einfordern

Immer vom Ende her denken: Wie kann die treibhausgasneutrale Versorgung am Ende aussehen?

(Link zum UBA-Kurzgutachten: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/kurzgutachten-kommunale-waermeplanung)

 

7 UBA-Broschüre: Klimaschutz in der Kommune - 38 Maßnahmen

Das Umweltbundesamt (UBA) gab im November 2022 die Broschüre „Klimaschutzmanagement und Treibhausgasneutralität in Kommunen – große Potentiale wirksam erschließen“ heraus (Link unten). Darin werden mögliche kommunale Maßnahmen, in fünf Einflussbereiche unterteilt, aufgelistet:

A) Verbrauchen und Vorbild: z.B. kommunale Gebäude, Fuhrpark, Beschaffung, Straßenbeleuchtung, kommunale Betriebe.

B) Versorgen und Anbieten: Infrastruktur, Nahverkehrsangebote, Fernwärme, Abfallentsorgung

C) Planen und Regulieren: Flächennutzungsplanung (z.B. Windkraft), Energiestandards, Solarpflicht, Parkraumbewirtschaftung, Verkehrsleitung.

D) Beraten und Infomieren: Informationskampagnen, Energieberatung, Teilhabe und finanzielle Anreize.

Folgend listet die Broschüre 38 wirksame Klimaschutzmaßnahmen auf, die praktisch alle in Krefeld umsetzbar sind. Diese sind innerhalb der Themenbereiche geordnet nach ihrer Einsparung in Mio. t CO2-Äquivalenten (in Klammern) bei bundesweiter Anwendung. Die tendenziell wirkungsvollsten Maßnahmen, die bundesweit umgesetzt zu über 5 Mio. t CO2-Äquivalenten führen würden, sind fett hervorgehoben:

 

A1) Umfassende energetische Sanierung der kommunalen Gebäude (3,24 Mio. t CO2)

A2) Gebäudesanierung kommunale Wohnbaugesellschaften (2,37)

A3) Umstellung auf erneuerbare Energien in kommunalen Gebäuden (2,32)

A4) Energieautarke Kläranlagen (1,68)

A5) Optimierung der Straßenbeleuchtung (1,53)

A6) Kommunales Energiemanagement (1,39)

A7) Optimierung Raumlufttechnik (RLT)-Anlagen (1,27)

A8) Umstellung auf erneuerbare Energien in kommunalen Wohnbaugesellschaften (0,81)

A9) Linienbusse elektrifizieren (0,74)

A10) Stromeffizienz in der Trinkwasserversorgung (0,43)

A11) Stromeffizienz in der Abwasserentsorgung (0,42)

A12) Kommunalen Fuhrpark optimieren (0,41)

A13) Beschaffung IKT (0,29)

A14) Dienstfahrten vermeiden (0,26)

A15) Beschaffung Gerät Kantinen (0,13)

 

B1) Dekarbonisierung von Fernwärmenetzen (6,55)

B2) Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur (5,06)

B3) Ausbau des ÖPNV-Angebotes (5,06)

B4) Optimierte Deponiegaserfassung und Reduktion um 50% (3,4)

B5) Nutzung der Abwärme kommunalen Abwassers (3,0)

B6) PV-Anlagen auf kommunalen Liegenschaften (2,55)

B7) Effizienz von Fernwärmenetzen (1,64)

B8) Reduktion von Treibhausgasen in der Bioabfallverwertung (0,37)

B9) Umstellung des Verpflegungsangebotes in Kantinen (0,22)

 

C1) Festlegung von Windkraftgebieten in der Flächenplannutzung (14,34)

C2) Anschluss- und Benutzungszwang an dekarbonisierte Fernwärme für Bestand (8,59)

C3) Flächendeckendes Parkraummanagement (5,06)

C4) Anschluss und Benutzungszwang Fernwärme nur für Neubauten (0,85)

C5) PV-Nutzungspflicht Neubau (0,60)

C6) Hohe Effizienzanforderungen Bebauungsplanung (Gewerbe/Handel/Dienstleistung) (0,34)

C7) Kompaktheit Bebauungsplanung (Gewerbe/Handel/Dienstleistung) (0,15)

C8) Hohe Effizienzanforderungen (Private Haushalte) (0,09)

C9) Kompaktheit Bebauungsplanung (Private Haushalte) (0,04)

 

D1) Förderprogramm für PV-Aufdachanlagen für private Haushalte (12,30)

D2) Aktivierung der Eigentümer*innen von Ein- und Zweifamilienhäusern zur Gebäudesanierung durch intensive Beratung und Begleitung vor Ort (11,06)

D3) Verdichtung und Erweiterung Fernwärme (1,84)

D4) Mobilitätsberatung (0,76)

D5) Beratung und Information von KMU zur Einführung EMS (0,23)

 

Praktisch alle Maßnahmen sind in Krefeld umsetzbar!

Auf Krefeld heruntergebrochen allerdings dürfte das Windkraftpotential wegen geringerer Fläche etwas geringer sein (dennoch eine Frage des Willens und der Akzeptanz), das Solarpotential auf privaten Dachflächen dürfte durch Fachkräftemangel nur verzögert umsetzbar sein.

Dafür aber dürfte die Bedeutung der Gebäudesanierung und der Ausbau der Fernwärme in Krefeld von allerhöchster Bedeutung sein (dazu mehr in weiteren Blogs).

Gebäudesanierung und Ausbau der (dekarbonisierten) Fernwärme von hoher Bedeutung!!!

Aber wichtig: Keine der Maßnahmen reicht allein. Alle Maßnahmen sind wichtig, um das Gesamtziel zu erreichen!

Link zur Broschüre: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/klimaschutzmanagement-treibhausgasneutralitaet-in

Detaillierter in: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/kommunales-einflusspotenzial-zur

 

6 Ein Wort an die Skeptiker

„Klimaneutral bis 2035? Ich glaube das ist nicht mehr zu schaffen!“ 

Das hört man oft, wenn man den Beschluss des Krefelder Stadtrates bis 2035 klimaneutral zu werden, lobt. Wie soll man mit dieser Skepsis umgehen?

Ohne Zweifel bedarf es allergrößter Anstrengungen und einer beträchtlichen Umorientierung jeglichen privaten, geschäftlichen und städtischen Handelns in Krefeld, wenn wir das Ziel erreichen wollen. Resigniert zu seufzen bietet da sicherlich Erleichterung. Denn sonst müsste man ja umdenken und sich auch noch anstrengen.

Man soll die Skepsis aber nicht lächerlich machen. Sie ist ja durchaus berechtigt. Es könnte sein, dass wir das Ziel tatsächlich verfehlen. Es gibt so viele Variablen, dass große Unsicherheiten in beide Richtungen bestehen. Wohlgemerkt: In beide Richtungen. Es ist nichts entschieden. Es hängt von uns ab. 

"Wenn wir 1,5°C nicht schaffen, dann eben 2°C – oder 2,5°C. Dann haben wir ja mehr Zeit"...

... so versuchen sich andere zu beruhigen. 1,5°C werden innerhalb der nächsten +/- 10 Jahre erreicht sein, wenn wir nicht sehr entschieden handeln. Mehr Zeit wäre schön. Leider aber sind Naturgesetze nicht verhandelbar. Der Kipp-Punkt für das Abschmelzen des grönländischen Eisschildes (Folge: Viele Meter Meeresanstieg) wird vermutlich gerade erreicht. Der westantarktische Eisschild kollabiert bei ca. 1,5°C (weitere Meter), die Umwälzströmung der Labradorsee (evtl. auch der Golfstrom) bei ca. 1,8°C (brrr! Dann wird es kalt in Europa – und heißer im Süden). Es folgen der ostantarktische Eisschild, die Versteppung des Amazonas und das Tauen der arktischen Permafrostböden usw.

Über 1,5°C wird es wirklich ungemütlich – und extrem teuer.

Wenn drei riesige Eisschilde abschmelzen (und mit ihrem Eis auch nicht mehr die Sonne reflektieren, beschleunigt sich der Prozess unumkehrbar. Jedes zehntel Grad zählt jetzt. 1,5°C Erderhitzung verändert alles. Das muss einer kritischen Masse an Menschen jetzt klar werden. Man darf jetzt einfach nicht resignieren!!!

Es steckt darin auch eine riesige Chance: Jetzt erst recht!

Denn wenn wir jetzt entschlossen handeln, können wir das Ziel erreichen. Letztlich bremst uns die Skepsis (und das schon seit 30 Jahren). Der Mensch kann, wenn er will: Smartphones waren innerhalb 10 Jahren weltweit verbreitet.

Jetzt ist das Mitwirken von tausenden Privatpersonen und Geschäftsleuten notwendig. Jeder kann etwas tun (von LED-Leuchten und sparsamen Elektrogeräten bis zu Hausdämmung, Photovoltaikanlagen und Heizungserneuerung). Entsprechend entschlossen müssen auch die Forderungen an die Politik sein: Krefeld ist mit einem Startschuss vorangegangen. Jetzt muss die entschlossene Umsetzung folgen. Jeder Schritt muss ausreichend groß und entschieden sein. 

Jetzt lohnen sich sogar alle privaten und öffentlichen Investitionen noch. Später wird die Schadensbegrenzung extrem teuer.

Insofern sollten auch die Gesamtkosten nicht schrecken, die in den nächsten Wochen in den Gutachten auftauchen werden. Zum allergrößten Teil sparen wir Kosten, die sonst später unweigerlich zu zahlen sein werden. Die Gaskrise im Ukrainekrieg hat eine Vorschau geliefert. Es wird dann keinen dauernden „Doppelwumms“ geben können, um soziale Verwerfungen zu vermeiden. Eher würde das Ziel aufgegeben und die Katastrophe nähme ihren Verlauf. Wollen wir das? Skepsis macht schwer. Wir müssen beflügelt handeln. 

 

5 Gutachten „KrefeldKlimaNeutral 2035“ – vorsichtiger Vorschauversuch

Am 13.12.2022 trugen die Gutachter erste vorläufige Ergebnisse des Berichtes KrefeldKlimaNeutral 2035“ vor. Die 59 Folien enthielten zwar viele Daten, waren aber noch sehr bruchstückhaft. In den folgenden Zeilen soll eine sehr grobe Inhaltsangabe versucht werden.

Das Gutachten gliedert sich in sechs Unterpunkte:

 

1+2) Einleitung und Treibhausgasbilanz – mit kleinem Haken:

Es wird von einem Gesamtenergiebedarf Krefelds von 5,4 Terawattstunden/Jahr ausgegangen (Bezugsjahr 2021, in 2010 waren es noch 7 Terawattstunden).

Das entspricht einer Kohlendioxidemission in 2021 von 6,86 Tonnen CO2 pro Einwohner  (2010 waren es 9,95 Tonnen).

Aber Vorsicht: Aus den Zahlen sind die Verbräuche der "ETS-Betriebe" herausgerechnet. Das sind diejenigen Großbetriebe, die direkt am EU-Emissionszertifikatehandel teilnehmen (siehe Blog „Warum reicht es nicht...“ vom 11.1.2023). Da Krefeld mehrere dieser Großbetriebe hat, sind sie zusammen für über die Hälfte des Krefelder Energieverbrauches verantwortlich. Mit den Betrieben zusammen verdoppeln sich also die obigen Energieverbrauchsmengen (Gesamtverbrauch mit ETS-Betrieben in 2021: Knapp 12 Terawattstunden/Jahr).

 

3) Wärmewende – der dickste und schwierigste Batzen:

Der Wärmebereich ist mit 3,5 TWh der größte Verbraucher (über 50%). Es werden zwei Pfade beleuchtet.

- „All electric“-Szenario, bei dem durch intensive Dämmung und andere Sanierungsmaßnahmen der Wärmeverbrauch der Gebäude deutlich gesenkt wird und heizungstechnisch, neben Ausbau der Fernwärme, in weiten Bereichen eine Umstellung von fossilen Brennstoffen auf elektrische Wärmepumpen erfolgt. Die Sanierungsrate (Wärmedämmung) soll dabei von aktuell rund 1% des Gebäudebestandes pro Jahr auf 5% (!!!) pro Jahr angehoben werden.

- H2-Szenario, bei dem die Sanierungsrate nur auf 2,5% angehoben wird und in weiten Bereichen Wasserstoff als Brennstoff für die Heizung bzw. Fernwärme zum Einsatz kommt.

Vorsicht: Der NABU hält für extrem unwahrscheinlich, dass es bis 2035 ausreichend Wasserstoff geben wird – insbesondere nicht zu Heizzwecken.

 

4) Mobilitätswende – kleinster Posten aber nicht einfach:

Der Verkehr verursacht ca. 16% der klimawirksamen Emissionen in Krefeld. Hauptmaßnahmen sind Umstieg auf treibhausgasfreie Energieträger (v.a. Strom) sowie Bahn und Rad.

 

5) Stromwende – Sparen, Sparen, Sonne, Sonne, Sonne, Wind:

Der Strombereich verursacht 26% der klimawirksamen Emissionen. Bei den erwähnten Maßnahmen stehen Effizienzsteigerungen sowie massiver Ausbau der Photovoltaik im Vordergrund (Dachflächen, Parkplätze, Freiflächen, Agri-PV uva.). Auch die Windkraft soll ausgebaut werden. Extern bezogener Strom soll treibhausgasfrei sein.

 

6) Handlungskonzept – wann, was, wie und wie teuer?:

In diesem Abschnitt werden die Maßnahmen nochmals zusammengefasst und in Zeitabschnitte und Handlungsstränge aufgeteilt. Es wird geschätzt, dass Gesamtinvestitionsmittel von 15 Milliarden Euro erforderlich sein werden (ganz wesentlich private Investitionen). Wieviel davon die Stadt selbst aufbringen, bzw. durch Fördermittel einwerben muss, konnte noch nicht abgeschätzt werden. Es werden im Verlauf etwa 20-40 neue Stellen bei der Stadt benötigt. Allerdings erhofft man sich abschließend auch die jährliche Einsparung von über 70 Mio. Euro im Stadthaushalt.

 

Fazit: Erst einmal schauen, was im Endbericht steht!

Inhaltlich könnte man zu vielen Punkten etwas sagen. Im Verlauf des Blogs werden einige Punkte auch noch intensiver beleuchtet werden. Eine endgültige Einschätzung der Wirksamkeit der Maßnahmen wird aber sicherlich erst bei Vorlage des endgültigen Gutachtens voraussichtlich Anfang Februar 2023 möglich sein.

 

4 Umgehendes Handeln nützt nicht nur dem Klima sondern schafft auch handfeste Vorteile

Dazu muss man zunächst wissen was die EU-Deckelung der Emissionen ist und was sie zur Folge hat. Der Europäische Emissionshandel (EU-ETS) ist seit 2005 das zentrale Klimaschutzinstrument der EU. Mit ihm sollen die Treibhausgas-Emissionen der Energiewirtschaft und der energieintensiven Industrie reduziert werden. Seit 2012 nimmt zusätzlich der innereuropäische Luftverkehr teil. Ab 2027 sollen auch Verkehr und Gebäudeheizung hinzukommen.

Emittenten müssen für jede Tonne emittierten Kohlendioxids den Besitz von entsprechenden Emissionszertifikaten nachweisen. Die Zertifikate können käuflich erworben und untereinander gehandelt werden. Die Gesamtzahl der Zertifikate wird jährlich reduziert (um rund 4,4 %). Dadurch sinkt die jährliche CO2-Emission. Gleichzeitig steigt der Preis für jede emittierte Tonne CO2.

Da damit ja offenbar „automatisch“ die Emissionen sinken, könnte sich die Frage stellen, warum man seitens der Stadt und der Bürger überhaupt initiativ tätig werden sollte.

Wenn der erhoffte Erfolg also scheinbar"von selbst" kommen würde, könnte man dann nicht einfach warten?

Für umgehendes, eigeninitiatives Handeln gibt es aber eine Vielzahl von Gründen. Um nur einige zu nennen:

1) Mit der jährlichen Reduzierung der Emissionsrechte steigt der Preis für Energie. Was das für Folgen haben würde, konnte man 2022 sehen, als die Preise für Strom und Gas sprunghaft stiegen und die Bundesregierung mit milliardenschweren Programmen Notlagen und Unruhen verhindern musste. Den Verbrauch rechtzeitig zu senken und auf emissionsfreie Energien umzuschwenken ist also das Gebot der Stunde. Nur so können soziale Verwerfungen zu späterem Zeitpunkt, wenn die Preise unweigerlich steigen, vorausschauend verhindert werden (besondere Betroffenheit von geringeren Einkommen).

Uff, warten wird am Ende teuer - besonders für einkommensschwache Familien!

2) Man sieht auch schon heute, dass die Wartezeiten für den Einbau alternativer Energiequellen hoch sind. Mit steigenden Energiepreisen wird in den 30er Jahren die Nachfrage nochmals explodieren. Alle gleichzeitig können dann nicht bedient werden.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst! - und hat seine Solaranlage zeitgerecht auf dem Dach!

3) Das gilt auch für die Verfügbarkeit von Fachkräften für Stadtverwaltung, städtische Betriebe und Unternehmen. Schon heute sind die Angebote knapp. Wenn erst einmal alle Städte aus Kostengründen auf die Idee kommen, Energiekonzepte umzusetzen, wird der Markt leer sein.

Wenn die Fachleute in Essen, Köln und Duisburg angeheuert sind, guckt Krefeld in die Röhre!

4) Die Stadt, die frühzeitig lokal saniert und nachhaltige Energiesysteme schafft, sichert sich Wertschöpfung vor Ort (lokale Planer, Handwerker, Betreiber, Zulieferer etc.). Diese können später auch umliegende Bereiche bedienen. Wenn man spät kommt, sieht es umgekehrt aus! Der Wohlstandsgewinn durch lokale Wertschöpfung kann geschätzt werden. Die Stadt Bonn erwartet z.B. 123 Mio. Euro zusätzliche Unternehmensgewinne und ein- bis zweitausend zusätzliche Stellen (siehe später folgender Blog-Beitrag). Hinzu kommen die Ersparnisse durch geringere zukünftige Energiekosten für alle. 

Wir haben ferne Länder für Öl und Gas bezahlt. Wollen wir das auch mit Sonne und Wind so halten? Oder selbst daran verdienen?

5) Für den Klimaschutz im Allgemeinen ist es wichtig, dass es Städte gibt, die voran gehen, dadurch motivieren, beispielhafte Lösungen präsentieren und letztlich beweisen, dass wirksamer Klimaschutz möglich ist. 

Irgendwer muss anfangen - warum nicht wir? Wenn es sogar handfeste Vorteile bringt!!!

 

3 Projekt "KrefeldKlimaNeutral 2035" – Sachstand Ende 2022 und Zeitplan

Wie im obigen „Rückblick“ dargestellt, entschied die Politik per Beschluss im Klima-Ausschuss am 18.2.2021 (bestätigt nochmals durch Ratsbeschluss am 16.11.2022), die Zielsetzungen des Klimakonzeptes Krefeld (KrefeldKlima 2030) zu verschärfen, um Klimaneutralität bereits 2035 zu erreichen. Sie forderte das Gutachtertrio von "KrefeldKlima 2030" (Infrastruktur&Umwelt, Wertsicht, Drees&Sommer) auf, einen entsprechend verschärften Maßnahmenplan zu erarbeiten.

Die Politik hat in Krefeld also reagiert und einen Rettungsplan auf den Weg gebracht!

Das Gutachten sollte ursprünglich im Mai 2022 vorliegen, benötigte aber mehr Zeit. Am 13.12.2022 erfolgte eine Darstellung erster, vorläufiger Ergebnisse vor dem Klima (Umwelt)- und dem Planungsausschuss sowie dem Landschaftsbeirat. Dabei wurde folgender Zeitplan vorgelegt:

20.12.2022: Online-Beteiligung der Politik, um Rückfragen zu klären

9.1. bis 27.1.2023: Einarbeitung von Anregungen aus Politik und Verwaltung

27.1.2023: Vorlage des Entwurfes eines Endberichtes bei der Stadt

28.1. bis 2.3.2023: Abstimmung des Endberichtes, Überarbeitung und Fertigstellung

2.3.2023: Abgabe des abgestimmten Endberichtes bei der Stadt Krefeld

Nach 2.3.2023: Beteiligung Verwaltungsvorstand

1. Halbjahr 2023: Erarbeitung der Sitzungsvorlage für Klima- und Planungsausschuss

1. Halbjahr 2023: Beratung in den Gremien und abschließender Ratsbeschluss

Nach diesem weisen Anfangsbeschluss muss unbedingt an Ziel und Zeitplan festgehalten werden!!! Weitere Verzögerungen können wir uns nicht leisten!

 

2 Warum reicht es nicht "in aller Ruhe" bis 2050 klimaneutral zu werden?

Zunächst galt in Deutschland das Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden. Nach Urteil des Bundesverfassungsgerichtes reichte das aber nicht aus, um zukünftige Lebensgrundlagen zu schützen. Deshalb wurde das Ziel in einem Kompromiss auf 2045 vorverlegt.

Das Verfassungsgericht hat Deutschland also schon gerügt und strengere Ziele gefordert!

Reicht 2045 denn immer noch nicht aus? Das Expertengremium „Intergovernmental Panel on Climate Change“, welches die weltweiten wissenschaftlichen Ergebnisse immer wieder aktuell zusammenfasst, hat Ende 2022 einen Bericht herausgegeben („Global warming of 1,5°C“). Auf 631 Seiten wird die Wichtigkeit der Begrenzung des globalen Temperaturanstieges auf unter 1,5°C nochmals ausführlich diskutiert und belegt.

Der Temperaturanstieg beträgt derzeit ca. 0,2°C pro Dekade. Aktuell liegt die Temperaturerhöhung bereits bei ca. 1,2°C. D.h. im Laufe der nächsten Dekade werden wir das Limit von 1,5°C überschreiten, wenn nicht weltweit die Emissionen drastisch reduziert werden.

Die eben noch tolerable Temperaturerhöhung von 1,5°C wird also wahrscheinlich schon vor 2040 überschritten werden!

Mit steigender Temperatur steigen die klimabedingten Risiken und die Kosten für deren Bekämpfung. Ein Anstieg der Temperatur über 1,5°C hinaus würde zu einer deutlichen Erhöhung der Risiken führen. Beispielsweise wären die Hitzeperioden länger und die Hitzespitzen deutlich höher, die Hitzetoten nähmen zu. Bei 2°C Temperaturerhöhung stiege das Meer bis 2100 um zusätzliche 10 cm mehr an (für Küstengebiete verhehrend). Dürren und Starkregenereignisse wären deutlich häufiger. 

Schon bei einem Temperaturanstieg von 1,5°C sind vielerorts starke Beeinträchtigungen des Lebens nicht mehr vermeidbar: Küstenüberschwemmungen, Probleme in arktischen Regionen (Gebäude, Pipelines etc. sinken in tauenden Permafrostboden), Beeinträchtigungen der Fischerei und seltener Biotope, Hitzefolgen, Starkregenereignisse uva. 

Der Klimabericht des IPCC zeigt auch auf, dass die Reduzierung der klimaschädlichen Emissionen rasch erfolgen muss. Wichtig nämlich: Auch kurze Überschreitungen des 1,5°C Zieles würden erhöhte Schäden auslösen und schädliche Kausalketten in Gang setzen. Auch wenn eine Rückkehr unter 1,5°C anschließend gelingt, sind diese nicht mehr umkehrbar (Kipp-Punkte). Um ein solches Überschießen der Temperatur zu vermeiden, ist laut IPCC schon vor 2030 (!!!) eine deutliche Reduzierung der weltweiten Emissionen notwendig.

Wir müssen also sofort beginnen, sonst kommt der Stein ins Rollen!

Die Temperaturerhöhung kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit unter 1,5°C gehalten werden, wenn Krefeld, Deutschland und die Welt mit ihren Emissionen ein errechenbares Restbudget einhalten. Dieses Ziel wird aber bei den aktuell von der Weltgemeinschaft angestrebten Emissionsminderungen deutlich verfehlt.

Nachdem wir über 30 Jahre wider besseres Wissen munter weiter emittiert haben, ist unser Restbudget erschreckend klein!   Es reicht keinesfalls bis 2045 oder gar 2050!

Wir alle müssen also umgehend mit wirksamem Klimaschutz beginnen. Erfreulicherweise verschreiben sich mehr und mehr Städte in Deutschland und weltweit dem 2035-Ziel. Wie im übernächsten Beitrag dargestellt, hat es zudem zahlreiche weitere Vorteile, so früh wie möglich zu handeln.

Je mehr Städte mitmachen, um so besser!

 

1 Rückblick: Gab es jemals Klimaschutz in Krefeld?

Seit den 80er Jahren gibt es in Krefeld einzelne Bestrebungen, Klimaschutz zu intensivieren. 1991 veranstaltete der NABU zusammen mit den SWK einen Stromsparwettbewerb. Die SWK bewarben in kleinem Umfang Klimaschutzmaßnahmen (Photovoltaikanlagen etc.). Zeitweise gab es bei der Stadt auch einen Klimabeauftragten. Energiesparen erfolgte aber in erster Linie im Rahmen finanzieller Sparmaßnahmen.

Ende der 90er Jahre wurde ein Energiegutachten auf den Weg gebracht, welches den Energieverbrauch Krefelds analysierte und verschiedene Entwicklungsszenarien darstellte. Diese beinhalteten aber keine sehr weitreichenden Empfehlungen zur Energieeinsparung. Politisch stießen sie ebenfalls keine wesentlichen Entwicklungen an. Es erfolgten spätere Fortschreibungen.

Gezielterer Klimaschutz begann in Krefeld mit "KrefeldKlima 2030": 

Am 1.12.2018 hatte die Stadt Krefeld eine Bietergemeinschaft aus drei Gutachtern mit der Erstellung eines „integrierten Klimaschutzkonzeptes“ beauftragt. Das fertige Konzept beinhaltete Maßnahmenempfehlungen bis 2030. Die Umsetzung wurde am 23.6.2020 durch den Rat der Stadt Krefeld beschlossen. Sie hatte Klimaneutralität bis 2050 zum Ziel.

Das Konzept enthielt eine Vielzahl von Empfehlungen für Maßnahmen zu Klimaschutz, Klimafolgenanpassung sowie damit verbundene Aktivitäten der Stadt. In der Folge wurden zwei Planstellen für das Klimaschutzmanagement geschaffen und besetzt, die der „Stabsstelle Klimaschutz und Nachhaltigkeit“ im Geschäftsbereich VI, "Umwelt und Verbraucherschutz, Soziales, Senioren, Wohnen und Gesundheit" zugeordnet sind. Mit der Planung und Umsetzung verschiedener Einzelmaßnahmen wurde begonnen.

Das reichte bei weitem nicht! 2021 wurde deshalb Ernst gemacht: 

Die fortschreitenden globalen Klimaveränderungen und deren immer deutlichere Folgen, die alarmierenden wissenschaftlichen Erkenntnisse (Kipp-Punkte, schwindendes Rest-Emissionsbudget zur Einhaltung des 1,5 Grad-Zieles) und die zunehmenden Forderungen aus der Bevölkerung (in Krefeld z.B. Demonstration von „Fridays-for-future“ im März 2019 mit mehreren tausend Teilnehmern) erforderten mehr. Nun hielt auch die Politik in Krefeld (nach den Wahlen 2020) die bisher beschlossenen Zielsetzungen für unzureichend. Am 18.2.2021 beschloss der Ausschuss für Umwelt, Klima, Nachhaltigkeit und Landwirtschaft, dass Krefeld bereits bis zum Jahr 2035 klimaneutral werden sollte. Das Projekt „KrefeldKlimaNeutral 2035“ wurde ins Leben gerufen. Die Gutachter des Vorgutachtens (KrefeldKlima 2030, s.o.) wurden beauftragt, gemeinsam mit der Stadt Krefeld einen Maßnahmenplan für die Erreichung dieses verschärften Zieles zu erarbeiten.

Am 13.12.2022 wurden die ersten vorläufigen Ergebnisse des Gutachtens mehreren Krefelder Gremien in einer gemeinsamen Sitzung vorgestellt. Ein Erreichen der Klimaneutralität bis 2035 ist danach möglich, wird aber intensivste Anstrengungen von allen Krefeldern erfordern. 

Klimaneutralität in Krefeld ist möglich, wenn alle mitmachen!!!